
Werte sind grundsätzlich - wie so vieles, jedenfalls ist das meine Überzeugung als radikaler Konstruktivist - vom Menschen konstruiert. Werte entstehen immer nur im Zusammenhang mit einem persönlichen Kontext. Für den einen ist es ein alter, falsch bedruckter Papierfetzen - für andere ist das gleiche Stück der goldene Gral der eigenen Zunft der Philatelisten. Was für den einen wertlos erscheint, wird für andere Menschen mit hunderttausenden von Euros bewertet. Brauche ich also einen, der 100.000 EUR zahlt oder 100.000 Menschen, die bereit sind einen Euro zu zahlen? Was ist dabei effizienter?
Die Frage der Zukunft, angesichts der großen Krise, sollte also nicht lauten “Was kostet es?”, sondern die völlig umgekehrte Frage “Was ist es DIR wert?” oder noch besser “Was müssen wir tun, damit es dir etwas wert ist?”
Denken wir doch mal an die arme Musikindustrie. Klar, man kann jetzt immer wieder das alte “copy kills music” Mantra herunterleihern. Aber man muss sich ernsthaft die Frage stellen, was zu diesem offensichtlich mangelndem Wertbewusstsein der Konsumenten geführt hat und wie man dem außerhalb von juristischen Sanktionen (kein Mensch will gerne seiner Freiheit beraubt werden) Herr wird oder noch besser: Wie kann man aus dieser veränderten Situation lernen bzw. sie sogar für sich nutzen? War es nicht gerade die Konzentration auf Massenproduktion und -geschmack, eben die lieblose Beliebigkeit, die genau dieses Phänomen hervorgerufen hat? CDs pressen kann in der Tat heute jeder, Musik machen wohl auch. Wo kann man also einen Wert erzeugen, der Menschen dazu veranlasst wieder für Künstler und deren Produkte zu bezahlen? Hier drei kurz skizzierte Ansätze:
1. Exklusive Fans, Fans und nochmal Fans
Ein echter Fan - und damit meine ich die richtig eingefleischte Sorte - wird immer bereit sein mehr Geld für ihre Idole auszugeben als Ottonormalkopierer, vorausgesetzt er bekommt im Gegenzug ein bißchen mehr Nähe. Aber bitte nicht jetzt den Fehler machen und sich in kostenloser Manier 2.0 sich ganz und gar dem generellen Publikum per Twitter, Blog, Podcast, kleinen Clubabenden etc. pp. öffnen, sondern ganz bewusst in den exklusiven Fanclub zurückziehen und dort den geheimen Zauber für dessen Mitglieder stattfinden lassen.

Ich glaube es wird noch viel zu wenig Energie, Zeit und Gehirnschmalz in solche Fanclubüberlegungen gesteckt, bzw. man hat es bisher meines Erachtens versäumt, dort professionell und intensiv daran zu arbeiten (Aber wer weiß, vielleicht irre ich mich auch und es läuft bereits was in der Richtung). Grundprinzip lautet also immer: Distanz der Künstler nach außen - Nähe zum Künstler im Inneren. Belohnung von Fans erhöht deren Involvement und somit natürlich auch den Wert der entsprechenden Leistung. Die Kombination aus äußerer Distanz und das Locken mit einer exklusiven Zugehörigkeit eines inneren Zirkels erhöht das Verlangen dabei zu sein.
2. Immer ans Limit!
Auch hier arbeitet die Musikindustrie ja schon ansatzweise daran: Special Edition Boxes. Aber da geht natürlich noch sehr viel mehr. Vor allem sollte man sich stärker spezialisieren und auf die Eigenschaften der jeweiligen Fan-Interessen achten.

Ich denke da beispielsweise auch an eine Kombination von ganz vielen verschiedenen Ideen. Wieso nicht in jede 99. CD mit einer Konzertkarte für einen kleinen lauschigen Clubabend beifügen (anschließendes Bootleg natürlich als USB-Stick) oder den Verkauf einem Einlass zu einem exklusiven Privat-Social-Network beifügen? Limitation steigert grundsätzlich immer den Wert einer Sache (vorausgesetzt es besteht generelles Interesse). Masse mindert den Wert. Kleines BWL-Einmaleins und doch scheinbar so schwer umzusetzen, natürlich weil Wertsteigerung auch immer ein gewisses Invest erfordert, also ein Invest in kreative Ideen, außergewöhnliche Vertriebswege, rechtliche Fallstricke, Qualität und und und. Es ist natürlich auch den ersten Blick wesentlich einfacher den üblichen, bekannten Weg zu gehen, aber wir wissen ja mittlerweile wie abgelascht der schon ist.
3. Simplizität, Orientierung und Vertrauen
Vereinfachung des Lebens bedeutet immer auch eine Wertsteigerung, ganz einfach weil sich dadurch die Lebensqualität der Menschen erhöht und man das meistens auch in einem gewissen Umfang zu schätzen weiss. Gäbe es beispielsweise einen Dienst für mich, bei dem ich nach meinem neusten Musikgeschmack jede Woche oder Monat brandneue Künstler für meinen iPod oder auf CD bekommen könnte, so wäre das für mich ein Wert. Noch wertvoller wird es dann, wenn ich jemanden vertrauen kann bzw. der mir einfach Arbeit abnimmt. Bei all den tausenden von Web 2.0 Musiklösungen und den millionenfachen Musiktiteln, vermisse ich ein entscheidendes Format sehr sehr stark: Die Musikshow, die Hitparade, den leitenden DJ meines Vertrauens: Einen John Peel 2.0 - bei dem ich weiß, dass er mir den heißesten Scheiss im Musicbiz vorspielt und es sich immer wieder lohnt ihm zuzuhören und seinem Geschmack zu fogen.

Vorbilder schaffen Wert. Vorbilder sparen Zeit und das nimmt mir als Musikfan die Arbeit ab, mich alleine durch den ganzen Rotz, den ich eben nicht so mag, durchzuwühlen. Musik braucht Begleitung und zwar nicht in Form von Werrbejingles, sondern in Form von Menschen, die wir mögen und denen wir vertrauen können. Eben einen Dieter. Einen Thomas. Einen Heck!
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